Ich erinnere mich nicht an das KZ-Ebensee, aber ich erinnere mich selbst immer wieder daran, dass es in Ebensee ein Konzentrationslager gab, das am 6. Mai 1945 von der US-Armee befreit wurde. Ebensee | AT · 2010–2022 (© PP · # 3546 · www.ewigesarchiv.at) Selbstverständlich kann ich mich nicht an das Konzentrationslager in Ebensee erinnern, das vom NS-Terrorregime den Bewohner*innen des Ortes Ebensee am Traunsee im oberösterreichischen Salzkammergut aufgezwungen wurde. Aber: Das „Schicksal“ wollte es so, dass ich in diesem Ort neun Jahre nach der Befreiung des KZ-Ebensees am 6. Mai 1945 durch die US-Army geboren wurde. Ich kann mich zwar nicht an die unmittelbaren Ereignisse „erinnern“, aber ich kann mich selbst immer wieder erinnern, mich mit der Geschichte meines Geburtsortes auseinander zu setzen, die ja direkt mein eigenes Leben in vielerlei Hinsicht bestimmten und es immer noch Tun. Meine Mutter Erna hat als 19-jährige nach der Befreiung des KZs in einer im „Josefshaus“ eingerichteten Nähstube aus Winteruniformen der NS-Wehrmacht notdürftige Bekleidung für die Überlebenden geschneidert, dabei hat sie meinen Vater, einen sogenannten „Volksdeutschen“ aus Kattowice, der „für die US-Army“ die Nähstube und das Lazarett, in dem ihre Freundin Gerti arbeitete, mit Materialien versorgte. Worüber ich mich freue und worauf ich auch stolz bin: Dass ich meine Mutter, als sie noch lebte, gebeten habe, mir ihre Erinnerungen „an die Hitlerzeit“ zu erzählen, dass ich das auf Video aufgenommen ahbe und daraus das Video „Erna und Gerti erzählen . .“ gemacht habe. Dramaturgische Mitarbeit und Schnitt: Monica Parii. (s. link)
Fotos: KZ-Friedhof Ebensee, gr. Foto re: Gedenkfeier zur Befreiuung 2022
Untere Reihe, 2. Foto: Gedenktafel am KZ Friedhof: „Beginnend mit Sonntag Nachmittag des 6. Mai 1945 wurde dieses als „KZ Ebensee“ bekannte Konzentrationslager unter Mithilfe der F Company 3d Cavalry Reconnaissance Squadron XX Corps (Ghost Troopers), Third US. Army unter dem Befehl von Captain Timothy Brennan befreit.“
In diesem vom NS-Terrorregime errichteten KZ sind 8.745 Häftlinge verstorben.
Das KZ Ebensee
Das KZ-Lager Ebensee wurde als Außenkommando des KZ Mauthausen errichtet. Am 18. November 1943 trafen die ersten Häftlinge in Ebensee ein. Bis zur Fertigstellung der ersten Baracken wurden sie in einer Lagerhalle der Weberei untergebracht. Um die Existenz des Lagers zu verschleiern, benutzte die SS die Tarnnamen „Zement", „Kalk", „Solvay" und „Kalksteinbergwerk". Zweck der Errichtung des SS-Arbeitslagers war der Bau riesiger unterirdischer Fabrikhallen zur Forschung und Entwicklung der A9/A10 Interkontinentalrakete durch den rücksichtslosen Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen. Der ursprüngliche Plan musste später aufgrund der Priorität anderer kriegswichtiger Produktionen aufgegeben werden. Fertige Teile der Stollenanlagen wurden zur Erzeugung von Treibstoff (Stollenanlage A) und Fertigung von Motorteilen für Panzer und LKW der Steyr-Daimler-Puch- und Nibelungenwerke (Stollenanlage B) genutzt. Die Treibstoffproduktion aus Rohöl startete am 4. Februar 1945 im Rahmen des ,,Geilenberg Programms". In ca. 16 Monaten wurden unter Häftlingseinsatz insgesamt 7,6 Kilometer unterirdische Anlagen errichtet.
Die Häftlinge
Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle Lagerinsassen im Hauptlager Mauthausen registriert und dann in das Außenkommando Ebensee weitertransportiert. Zwischen 18. November 1943 und 6. Mai 1945 wurden laut Lagerstandsbuch insgesamt 27.278 männliche KZ-Häftlinge in das Lager Ebensee eingewiesen. Rund 1.500 Häftlinge davon wurden zwischenzeitlich in andere Außenkommandos, etwa nach Redl-Zipf (,,Schlier") oder Wels überstellt und bei ihrem Rücktransport nach Ebensee ein zweites Mal in das Lagerstandsbuch eingetragen. Ab Jänner 1945 führten die eintreffenden Transporte aus evakuierten Konzentrationslagern zu katastrophaler Überbelegung und völligem Zusammenbruch der Versorgung. Am 23. April 1945 erreichte das Lager mit 18.509 Insassen seinen Höchststand. Durch gezielte Maßnahmen versuchte die SS-Leitung den Tod der meist jüdischen Zugänge herbeizuführen und somit den Häftlingsstand zu minimieren.
Die Häftlingsgesellschaft setzte sich aus über 20 verschiedenen Nationalitäten zusammen. Polen, Russen, Ungarn, Franzosen, Deutsche, Italiener, Jugoslawen, Griechen und Tschechen bildeten dabei die größten nationalen Gruppen. Der Anteil der aus den verschiedenen Ländern deportierten Juden betrug rund 30 Prozent. Die Arbeits- und Lebensbedingungen eines Inhaftierten waren wesentlich von der nationalen Zugehörigkeit und der Kategorisierung gemäß der Kriterien der NS-Rassenideologie bestimmt. In Abstufungen schlechter behandelt wurden Bürger der Sowjetunion sowie Polen, auf der untersten Stufe der Hierarchie standen Roma, Sinti und Juden. Hinzu kommt, dass viele jüdische Insassen nach tagelangen Evakuationstransporten in offenen Viehwaggons oder durch Fußmärsche absolut entkräftet hier ankamen und dadurch geringe Überlebenschancen hatten. Mit einem der schlimmsten Transporte trafen am 3. 3. 1945 2059 jüdische Häftlinge aus Wolfsberg, einem Außenlager von Groß-Rosen, ein. Auf Anordnung des Lagerkommandanten Anton Ganz wurde den Juden trotz Schneefall und Kälte fast 2 Tage lang der Einlass in die schützenden Baracken verweigert. Hunderte kamen bei diesem Transport ums Leben. Mit einem der letzten Transporte kamen die Häftlinge des „Fälscherkommandos" der Aktion Bernhard" aus dem KZ Nebenlager Redl-Zipf (,,Schlier") nach Ebensee.
Das KZ Ebensee wurde am 6. Mai 1945 von der 3rd Cavalry Reconnaissance Squadron befreit. Trotz medizinischer Versorgung durch die US Feldhospitäler und Versorgung durch die UNRRA, starben rund 750 Häftlinge noch nach der Befreiung.
Von Juli 1945 bis Jänner 1946 wurde das ehemalige KZ von der US-Army als Gefangenenlager für deutsche SS-Angehörige der,,Panzerdivision Hohenstauffen" genutzt, anschließend diente es als „DP"-Camp (,,Displaced persons"). Mit dem Bau der heute auf dem Lagergelände bestehenden Wohnsiedlung wurde 1949 begonnen.
Der Opferfriedhof
Rund 8.200 Häftlinge kamen hier während der KZ-Haft ums Leben. In der ersten Phase des Lagers überstellte die SS die Leichen zur Verbrennung ins Hauptlager Mauthausen. Zahlreiche arbeitsunfähige und kranke Häftlinge wurden ebenfalls dorthin rücktransportiert, wo sie vermutlich ums Leben gekommen sind. Ab Ende Juli 1944 fand die Einäscherung der Toten im fertig gestellten Krematorium des Lagers statt. Im März und April 1945 legte die SS aufgrund der hohen Sterberate 2 Massengräber an. Über einem davon ließ die Italienerin Hilda Lepetit 1948 das erste Denkmal errichten. Der heute bestehende Opferfriedhof wurde von der oberösterreichischen Landesregierung im Jahr 1952 rund um das ,,Lepetit-Denkmal" angelegt. In den Massen- und Einzelgräbern sind insgesamt rund 3.600 KZ Opfer bestattet.
Texte: Informationstafeln am KZ-Friedhof Ebensee
Im Video „Erna und Gerti erzählen . . .“, das ich 2017 veröffentlicht habe (Schnitt: Monica Parii), erzählen meine Mutter Erna Putz und ihre Freundin Gerti Parzer von ihren Erinnerungen an die NS-Zeit, auch davon, wie sie als Mädchen nach der Befreiung des Konzentrationslagers Ebensee am 6. Mai 1945 durch die US-Armee gearbeitet haben: Erna Putz hat für die unbekleideten Überlebenden aus Winter-Tarnuniformen der deutschen Wehrmacht Hemden geschneidert, Gerti Parzer hat ein Jahr lang überlebende ehemalige KZ-Häftlinge gepflegt und in der ersten Zeit fast täglich die in der Nacht Verstorbenen auf einem Leintuch mit einem Sanitäter in den Keller getragen. Meine Mutter ist im Jänner 2017 verstorben.
I don’t remember the Ebensee concentration camp, but I keep reminding myself that there was a concentration camp in Ebensee, which was liberated by the US Army on May 6, 1945. Ebensee | AT · 2010–2022 (© PP · # 3546 · www.ewigesarchiv.at) Of course, I don’t remember the concentration camp in Ebensee, which the Nazi terror regime imposed on the residents of Ebensee on Lake Traunsee in the Upper Austrian Salzkammergut. But: „Fate“ decreed that I was born in this town nine years after the liberation of the Ebensee concentration camp by the US Army on May 6, 1945. While I can’t „remember“ the immediate events, I can always remind myself to engage with the history of my birthplace, which directly shaped my own life in many ways and still does. After the liberation of the concentration camp, my mother Erna, at the age of 19, sewed makeshift clothing for the survivors from Nazi Wehrmacht winter uniforms in a sewing room set up in the „Josefshaus.“ In doing so, she supported my father, a so-called „ethnic German“ from Katowice, who supplied the sewing room and the hospital where her friend Gerti worked with materials „for the US Army.“ What I am happy about and proud of is that I asked my mother, when she was still alive, to tell me her memories „of the Hitler era,“ that I recorded it on video, and made the video „Erna and Gerti Tell …“ from it. Dramaturgical collaboration and editing: Monica Parii. (see link)
Photos: Ebensee Concentration Camp Cemetery, large photo right: Liberation Commemoration Ceremony 2022
Bottom row, 2nd photo: Memorial plaque at the concentration camp cemetery: „Beginning on Sunday afternoon of May 6, 1945, this concentration camp, known as ‚Ebensee Concentration Camp,‘ was liberated with the assistance of F Company, 3d Cavalry Reconnaissance Squadron, XX Corps (Ghost Troopers), Third U.S. Army, under the command of Captain Timothy Brennan.“
8,745 prisoners died in this concentration camp established by the Nazi terror regime.
Ebensee Concentration Camp
The Ebensee concentration camp was established as an external camp of the Mauthausen concentration camp. The first prisoners arrived in Ebensee on November 18, 1943. Until the first barracks were completed, they were housed in a warehouse belonging to the weaving mill. To conceal the camp’s existence, the SS used the code names „Cement,“ „Lime,“ „Solvay,“ and „Limestone Mine.“ The purpose of establishing the SS labor camp was to build massive underground factory halls for the research and development of the A9/A10 intercontinental ballistic missile through the ruthless labor of concentration camp prisoners. The original plan was later abandoned due to the priority given to other war-critical production. Completed sections of the tunnel system were used to produce fuel (tunnel system A) and to manufacture engine parts for tanks and trucks for the Steyr-Daimler-Puch and Nibelungen factories (tunnel system B). Fuel production from crude oil began on February 4, 1945, as part of the „Geilenberg Program.“ In approximately 16 months, a total of 7.6 kilometers of underground facilities were built using prisoners.
The Prisoners
With few exceptions, all camp inmates were registered in the Mauthausen main camp and then transported to the Ebensee subcamp. According to the camp register, a total of 27,278 male concentration camp prisoners were admitted to the Ebensee camp between November 18, 1943, and May 6, 1945. Around 1,500 of these prisoners were temporarily transferred to other subcamps, such as Redl-Zipf („Schlier“) or Wels, and were entered into the camp register a second time upon their return transport to Ebensee. From January 1945, the incoming transports from evacuated concentration camps led to catastrophic overcrowding and a complete collapse of supplies. On April 23, 1945, the camp reached its peak capacity of 18,509 inmates. Through targeted measures, the SS leadership attempted to bring about the deaths of the mostly Jewish arrivals and thus minimize the prisoner population.
The prisoner community was composed of over 20 different nationalities. Poles, Russians, Hungarians, French, Germans, Italians, Yugoslavs, Greeks, and Czechs formed the largest ethnic groups. The proportion of Jews deported from various countries was around 30 percent. An inmate’s working and living conditions were largely determined by their nationality and categorization according to the criteria of Nazi racial ideology. Citizens of the Soviet Union and Poles were treated less favorably, with Roma, Sinti, and Jews at the bottom of the hierarchy. In addition, many Jewish inmates arrived here completely exhausted after days of evacuation in open cattle cars or marches on foot, leaving them with little chance of survival. One of the worst transports arrived on March 3, 1945, with 2,059 Jewish prisoners from Wolfsberg, a satellite camp of Gross-Rosen. By order of camp commandant Anton Ganz, the Jews were denied entry to the protective barracks for almost two days, despite snowfall and cold. Hundreds died during this transport. One of the last transports brought prisoners from the „counterfeiting squad“ of Operation Bernhard from the Redl-Zipf (Schlier) subcamp to Ebensee.
The Ebensee concentration camp was liberated on May 6, 1945, by the 3rd Cavalry Reconnaissance Squadron. Despite medical care provided by US field hospitals and UNRRA, approximately 750 prisoners died after liberation.
From July 1945 to January 1946, the former concentration camp was used by the US Army as a prison camp for German SS members of the „Panzer Division Hohenstauffen.“ It subsequently served as a „DP“ (displaced persons) camp. Construction of the residential complex that now stands on the camp site began in 1949.
The Victims‘ Cemetery
Around 8,200 prisoners died here during their imprisonment in the concentration camp. During the camp’s initial phase, the SS transferred the bodies to the main camp at Mauthausen for cremation. Numerous sick and unfit prisoners were also transported back there, where they presumably died. From the end of July 1944, the cremation of the dead took place in the camp’s completed crematorium. In March and April 1945, due to the high death rate, the SS dug two mass graves. The Italian Hilda Lepetit had the first memorial erected over one of them in 1948. The current victims‘ cemetery was established by the Upper Austrian state government in 1952 around the „Lepetit Memorial.“ A total of around 3,600 concentration camp victims are buried in the mass and individual graves.
Texts: Information panels at the Ebensee Concentration Camp Cemetery
In the video „Erna and Gerti Tell . . .,“ which I published in 2017 (edited by Monica Parii), my mother Erna Putz and her friend Gerti Parzer recount their memories of the Nazi era, including how they worked as girls after the liberation of the Ebensee concentration camp by the US Army on May 6, 1945: Erna Putz made shirts for the unclothed survivors from the German Wehrmacht’s winter camouflage uniforms. Gerti Parzer cared for surviving former concentration camp prisoners for a year, and in the early days, she buried those who had died during the night on a sheet with A paramedic carried her to the basement. My mother died in January 2017.