Alfred J. Noll (1960–2026): Wir kommen nicht darum herum. Wien | AT · 2009 (Foto © Conny Habbel via Die Presse, Spectrum, 5. Dez. 2009; Zusammenstellung ©PP · # 3740 · www.ewigesarchiv.at) Gestern, am Tag nach der Premiere von zweien meiner Filme im Stadtkino wollte ich im Zuge meines Langzeit-Projektes „Studio aufräumen und chaotische Hinterlassenschaft minimieren“ zwei Hängeordner radikal sichten, dabei stieß ich im mit „Freunde / Bekannte“ beschrifteten Hängeordner auf eine Zeitungsseite aus der „Presse“ vom 5. Dezember 2009, auf der der leider vor kurzem verstorbene Jurist, Schriftsteller und Künstler Alfred J. Noll im hellblauen Pullover in zwei Versionen lachte: einmal auf einem Kinderfoto als Dreijähriger, um 1963 und einmal auf einer von der deutschen Künstlerin Conny Habbel neu inszenierten Aufnahme aus 2009, also damals als 49-jährig. Die Zeitungsseite ist betitelt mit „Der Herbst des Strebens“ und hat folgende Intro: „Ein Text über das Altern kann kein Happy End haben. Oder? Doch, es gibt ein Leben vor dem Tod: über neue Stärken in späteren und späten Jahren – drei Erfahrungsberichte. Von Barbara Coudenhove-Kalergi, Oliver Lehmann und Alfred J. Noll.
Das ist sein Erfahrungsbericht:
Alfred J. Noll: Wir kommen nicht darum herum
Dem Altern und dem Alter entkommen wir nicht. Wir wissen es. Aber was tun wir mit diesen Gewissheiten? Mehreres bietet sich an: Wir können das Altern (wie es die WHO einmal getan hat) als Zunahme der Neigung verstehen, unter den normalen Lebensspannungen zu sterben. Diese biologisch-medizinische Beschreibung unterstellt eine individuell nicht abwendbare Dynamik, der wir – ob wir's wollen oder nicht – als Einzelne notwendig,passiv" ausgesetzt sind. Irgendwann also ist Schluss, mögen wir uns noch so sehr dagegen spreizen und wehren.
Wir können uns fit halten und uns ordentlich ernähren, Muskel und Kreislauf stärkende Fußmärsche absolvieren und den alltäglichen Stressfaktoren zu entkommen trachten, wir können liften und cremen, was das Zeug hält, das Fett absaugen und uns mit Haarwurzelimplantaten dem Verfall entgegenstellen, unser Leben bleibt endlich - und mit jedem Tag kommen wir dem Beweis der Endlichkeit näher. Und dieses Näherkommen können wir als Altern beschreiben:,,Man ist versucht, im Alter die Symptome der Sterblichkeit und erste Anzeichen des Todes zu sehen: für alle Lebenden, das heißt für alle Sterblichen, stellt das Jahr für Jahr fortschreitende Alter die Form dar, die ein durch den Tod unausweichlich begrenztes Werden im Diesseits annimmt. Und so lässt uns, was uns jede Minute verwirklicht, jede Minute dem Tode näher kommen." (Vladimir Jankélévitch, „Der Tod").
Nun, wir leben nicht von biologischen Einsichten allein, unser Handeln und Trachten wird von ganz anderen Gewissheiten bestimmt. In ehrlichen Stunden würden wir wohl zugeben, dass wir nicht ständig auf halbem Weg zwischen den beiden Extremen der Jugend und des Alters verharren können, so sehr wir uns auch unentwegt in der Mitte unseres Lebensweges wähnen. Aber individuelle und kollektive Anstrengungen produzieren Illusionen und Ideologeme über die Tatsache, dass mit jedem Tage das Leben verrinnt und ein immer kleinerer Teil von ihm übrig bleibt" (Marc Aurel, „Selbstbetrachtungen").
Wir können unser individuelles Leben in den Rahmen einer überindividuellen Geschichte zu stellen versuchen, in der es ein Moment, ein Glied in der Kette oder ein Zeitabschnitt wäre; die individuelle Biografie wäre dann nur noch eine empirische Episode in einer metaempirischen Super-Existenz. Manche holen noch weiter aus: Wenn man etwa nicht weniger als „Die Stellung des Menschen im Kosmos" erschauen will, dann zeigt sich das Altern in der reaktionären „Wesensschau" als festes anthropologisches Stadium: Im Alter würde sich der seelische Vorstellungsverlauf als Folge der Stärkeminderung und der Differenzierungsabnahme des Trieblebens einem „Assoziationsmodell" mehr und mehr annähern, für das eine spezifische Verbindung von Vorstellungen und Verhaltensweisen kennzeichnend sei: „Der Mensch wird im Altern immer mehr der Sklave der Gewohnheit" (Max Scheler, „Die Stellung des Menschen im Kosmos").
Solcherart wird eine sich als plausibel gebende Synthese aus beobachtbaren Üblichkeiten und Biologismus gezogen. „Das Alter" wird dann zum begrifflich-sozialen Korsett, aus dem nicht mehr zu entkommen ist. Lässt man freilich das einmal skeptische, einmal trügerische Geplapper beiseite, dann stellt sich das Älterwerden dar als realer lebensbiografischer Prozess, in dem die je individuelle „Kontinuität der Brüche" (Silvia Bovenschen, „,Älter werden") eingebettet ist in konkrete soziale Strukturen. Das nimmt der Sache nichts von ihrem individuellen Ernst. Das Alter setzt unweigerlich Grenzen: „Man sagt, die Weisheit eines alten Menschen besteht im resignierten Akzeptieren der eigenen Grenzen. Doch um sie akzeptieren zu können, muss man sie erkennen. Um sie zu kennen, muss man versuchen, ihnen einen Sinn zu verleihen. Ich bin nicht weise geworden. Die Grenzen kenne ich wohl, aber ich akzeptiere sie nicht. Ich gestehe meine Grenzen ein, aber nur, weil ich nicht anders kann" (Norberto Bobbio, „Vom Alter"). Für wen aber wäre je die Zeit vor dem Alter gekennzeichnet gewesen durch ein unbegrenztes Können und Wollen?
Wir kommen nicht darum herum, uns je individuell mit Niedergang, mit Degeneration und der abfallenden Lebenskurve auseinanderzusetzen. Und dennoch würde ein Absehen von den gesellschaftlichen Altersstrukturen, der Verankerung des Alters in den materiellen Verhältnissen und die Ignoranz gegenüber den jeweils maßgeblichen Alterskonstellationen immer in Resignation und Fatalismus enden, weil dadurch die je subjektiv entscheidenden Denk-, Handlungs- und Lernformen nicht mehr erfasst werden können. Unser individuelles Altersempfinden findet statt als kognitiv-emotionale Bewertung der jeweils erreichten individuellen Handlungsfähigkeit in den für uns relevanten sozialen Konstellationen (Ralph Boller, Älterwerden"). Insofern ist „Alter" immer eine soziale Konstruktion - obwohl es zugleich ein persönliches Erleben und Erleiden ist. Nur durch die Beteiligung an gesellschaftlicher Aktivität kann die gesellschaftliche Rahmung individuellen Älterwerdens verändert werden.
Wer sich also den vorgegebenen Profilen des Alterns nicht passiv ausgesetzt sehen will, der muss sich als Subjekt Zugang zu den gesellschaftlichen Konstruktionsprozessen von Alter verschaffen. Damit ist kein Versprechen verbunden, dass das Älterwerden als ein zufriedenstellender (oder auch nur erträglicher) Prozess verläuft. Aber wir können uns immerhin einmischen. Und wie gut uns das gelingt, ist keine spezifische Frage des Älterwerdens oder des Alters an sich, sondern es ist eine Frage nach dem „richtigen Leben", die wir eigenständig beantworten können. Und wie auch immer wir dann diese Frage beantworten, eines gilt jedenfalls: „Ganz besonders muss man Sauertöpfe meiden, die über alles seufzen und denen alles und jedes ein Anlass zur Klage ist" (Seneca „Glück und Schicksal“).
Alfred J. Noll, 1960 in Salzburg geboren,
Rechtsanwalt, lebt in Wien.
Alfred J. Noll (1960–2026): We can’t avoid it. Vienna | AT · 2009 (Photo © Conny Habbel via Die Presse, Spectrum, Dec. 5, 2009; Compilation ©PP · # 3740 · www.ewigesarchiv.at) Yesterday, the day after the premiere of two of my films at the Stadtkino, I wanted to radically review two hanging files as part of my long-term project „Cleaning up the studio and minimizing the chaotic legacy.“ In the hanging file labeled „Friends / Acquaintances,“ I came across a newspaper page from „Die Presse“ dated December 5, 2009, on which the sadly recently deceased lawyer, writer, and artist Alfred J. Noll was laughing in a light blue sweater in two versions: once in a childhood photo as a three-year-old around 1963, and once in a photograph re-enacted by the German artist Conny Habbel in 2009, when he was 49 years old. The newspaper page is titled „The Autumn of Striving“ and has the following introduction: „A text about aging can’t have a happy ending. Or can it? Yes, there is life before death: about new strengths in later years – three personal accounts. By Barbara Coudenhove-Kalergi, Oliver Lehmann, and Alfred J. Noll.
This is his personal account:
Alfred J. Noll: We Can’t Escape It
We can’t escape aging and old age. We know it. But what do we do with this certainty? Several options present themselves: We can understand aging (as the WHO once did) as an increase in the tendency to die under the normal stresses of life. This biological-medical description presupposes an individually unavoidable dynamic to which we – whether we like it or not – are necessarily, passively, exposed as individuals. So at some point, it’s over, no matter how much we may resist and fight against it.“
… We can stay fit and eat well, take long walks to strengthen our muscles and cardiovascular system, and try to escape everyday stressors. We can get facelifts and creams to our hearts‘ content, have liposuction, and combat aging with hair follicle implants, but our lives remain finite—and with each passing day, we draw closer to the proof of our mortality. And we can describe this approach as aging: „One is tempted to see in old age the symptoms of mortality and the first signs of death: for all the living, that is, for all mortals, the year-by-year progression of age represents the form that a becoming in this world, inevitably limited by death, takes. And so, what makes us real every minute brings us closer to death every minute.“ (Vladimir Jankélévitch, „Death“).
However, we do not live by biological insights alone; our actions and aspirations are determined by entirely different certainties. In honest moments, we would probably admit that we cannot constantly remain halfway between the two extremes of youth and old age, however much we may imagine ourselves to be in the middle of our life’s journey. But individual and collective efforts produce illusions and ideological constructs about the fact that with each passing day, life slips away and an ever smaller portion of it remains (Marcus Aurelius, „Meditations“).
We can try to place our individual lives within the framework of a supra-individual history, in which it would be a moment, a link in a chain, or a period of time; the individual biography would then be merely an empirical episode in a meta-empirical super-existence. Some go even further: If one wants to see nothing less than „The Position of Man in the Cosmos“, then aging appears in the reactionary „essential view“ as a fixed anthropological stage: In old age, the course of mental representations, as a consequence of the reduction in strength and the decrease in the differentiation of instinctual life, would increasingly approximate an „association model“ characterized by a specific connection between ideas and behaviors: „In old age, man becomes more and more the slave of habit“ (Max Scheler, „The Position of Man in the Cosmos“).
In this way, a seemingly plausible synthesis is drawn from observable customs and biologism. „Aging“ then becomes a conceptual and social corset from which there is no escape. If, however, one sets aside the sometimes skeptical, sometimes deceptive chatter, then aging reveals itself as a real, biographical process in which the individual „continuity of ruptures“ (Silvia Bovenschen, „Growing Older“) is embedded in concrete social structures. This does not diminish the individual seriousness of the matter. Age inevitably sets limits: “It is said that the wisdom of an old person consists in the resigned acceptance of their own limitations. But to accept them, one must recognize them. To know them, one must try to make sense of them. I have not become wise. I am aware of the limits, but I do not accept them. I acknowledge my limitations, but only because I cannot do otherwise” (Norberto Bobbio, “On Aging”). But for whom has the time before old age ever been characterized by unlimited ability and desire?
We cannot avoid confronting decline, degeneration, and the downward curve of life on an individual level. And yet, disregarding societal age structures, the anchoring of old age in material conditions, and ignoring the relevant age constellations would always end in resignation and fatalism, because the subjectively decisive forms of thinking, acting, and learning can no longer be grasped. Our individual perception of age takes place as a cognitive-emotional evaluation of our current level of individual agency within the social contexts relevant to us (Ralph Boller, „Aging“). In this sense, „age“ is always a social construct—even though it is simultaneously a personal experience and suffering. Only through participation in social activity can the social framework of individual aging be changed.
Therefore, anyone who does not want to be passively subjected to the predetermined profiles of aging must, as a subject, gain access to the social construction processes of age. This does not promise that aging will be a satisfactory (or even tolerable) process. But we can at least intervene. And how well we succeed in doing so is not a specific question of aging or age itself, but rather a question of „living well,“ which we can answer independently. And however we answer this question, one thing is certain: “One must especially avoid sourpusses who sigh about everything and for whom everything and everyone is a cause for complaint” (Seneca, “Fortune and Fortune”).
Alfred J. Noll, born in Salzburg in 1960,
lawyer, lives in Vienna.