Doing the Arnulf Rainer. Wien | AT · um 1972–2020 (© Nachlass A. Rainer; Ausstellungsansicht, Selbstportrait und Zeichnung © PP · # 3663 · www.ewigesarchiv.at) Die Arbeiten von Arnulf Rainer haben mich seit den 1970-er Jahren interessiert, als ich nach Wien zum Studium kam, wurde viel über ihn geschrieben, er war einer der Künstler der Galerie nächst St. Stephan in Wien. In der Fotoautomatenkabine am Wiener Westbahnhof begann er 1968 mit den ersten grimassierenden Selbstporträts in Postkartengröße. Während des Corona-Lockdowns 2020 produzierte ich – notgedrungen aufgrund des Mangels an menschlichen „Modellen“ – eine Reihe von Selbstportraits, darunter auch eines mit Referenz auf die „Gummibandserie“ von Arnulf Rainer, die um 1972 entstanden war. Die Zeichnung war natürlich ironisch/sarkastisch angelegt, aber keinesfalls das Werk von Rainer verhöhnend oder verspottend gemeint – eben eher als Referenz an einen großen Versucher, einen Grenzüberschreiter.
PERSÖNLICHER NACHRUF von Christian Rainer
in: Der Standard, 22. Dezember 2025
Übermalen gegen das Autoritäre: Christian Rainer zum Tod seines Onkels Arnulf Rainer
Sein Neffe erinnert an einen Künstler, der aus einer Zeit von Diktatur und Krieg eine unbeirrbare Arbeitsmoral und radikale Bildsprache formte
Österreich verliert einen Maler von seltener Weltgeltung – einen jener Namen, die außerhalb des Landes nicht erklärt werden müssen: Am 18. Dezember ist Arnulf Rainer gestorben. Für mich, seinen Neffen Christian Rainer, ist er am Rand dieser Bilanz auch der jüngere Bruder meines Vaters, ein Onkel.
Rainer gehörte zu jener Generation, die das Autoritäre nicht aus Geschichtsbüchern lernte, sondern als Tonfall der Kindheit: Erziehungsanstalt, Uniform, Befehl. Viele mussten sich später mühsam freischreiben von diesem Zugriff – manche in der Sprache, andere in der Politik, Rainer in der Form. "Durch diese hässlichen Selbstdarstellungen kommt mir niemand zu nahe", notierte er 1951; ein Satz, der wie eine frühe Selbstanweisung klingt. Abstand, nicht als Kälte, sondern als Bedingung von Freiheit: Wer in der Jugend erlebt, wie Nähe erzwungen wird, misstraut der bequemen Verbrüderung und sucht sich andere, härtere Wahrheiten.
Eigentümliche, harte Freiheit
Rainers Biografie ist geprägt von der Erfahrung, dass man sich manchmal nur retten kann, indem man geht. Von 1940 bis 1944 besuchte er die Napola in Traiskirchen; im Zeichenunterricht skizzierte er, von Luftaufnahmen inspiriert, Landschaften wie Wundenkarten – Krater, Brände, Spuren –, aber keine Gesichter. Als man ihn zwang, "nach der Natur" zu zeichnen, verließ er die Schule. 1945 fuhr er mit dem Fahrrad nach Kärnten zu Verwandten.
In unserer Familiengeschichte ist Kärnten nicht nur Geografie, sondern auch Herkunftston: eine alte, bäuerliche, deutschnationale Prägung, ein dunkles Erbe, das sich gern pathetisch als Tradition tarnt. Das Bemerkenswerte an Arnulf – ebenso an seinem Zwillingsbruder, und auch an meinem Vater – war die Emanzipation davon: nicht durch große Reden, sondern durch Gegenarbeit, lebenslang, eigensinnig. Dem Militärdienst entkam er knapp; mein Vater nicht. Aus demselben Druck wurden unterschiedliche Biografien – und bei Arnulf eine eigentümliche, harte Freiheit.
Bemalen, übermalen, zermalen
Vielleicht erklärt das seine frühe Unverträglichkeit mit Institutionen. Er bestand Aufnahmen an Kunstschulen, verließ Klassen nach Tagen; er ließ sich nicht einpassen, und er passte sich auch nicht selbst ein. Als seine Arbeiten als "entartet" beschimpft wurden, hörte man in der Vokabel noch die alte Ideologie nachhallen. In der Wiener Nachkriegssehnsucht nach Normalität, die so oft nur ein anderes Wort für Verdrängung war, setzte er Störung. Skandale waren nicht Ziel, sondern Nebenwirkung eines Ernstes, der nicht gefällig sein wollte. Und früh schon zeigte sich jene Energie, die ihn nie verließ: arbeiten, arbeiten – als müsste jedes Bild erst verdienen, dass es bleibt.
Berühmt machten ihn die Übermalungen – jene Erfindung, mit der er dem Bild eine zweite Biografie gab. Arnulf Rainer erfand dafür keine neue Welt, er legte die Hand an die vorhandene: an eigene Blätter, an Reproduktionen, an Fotografien. "Ich male nicht, sondern ich bemale, übermale oder zermale …", sagte er 1992 – und im Auslassungspunkt steckt sein Verfahren: Er braucht das Vorgefundene als Widerpart, um es zu verneinen und zugleich zu retten. Als man darin Aggression sehen wollte, widersprach er ausgerechnet mit einem Satz der Bindung: "Dabei kann ich nur etwas überarbeiten, zu dem ich einen Bezug habe, das ich schätze." Es ist, im Kern, eine Ethik der Strenge: kein Schonprogramm, aber auch keine willkürliche Zerstörung.
Gesichtstheater
Die Werkgruppen, die daraus entstanden, sind längst Teil der europäischen Kunstgeschichte nach 1945: von den surrealistisch-fantastischen Anfängen bis zur Entscheidung für Informel und Reduktion; von Schwärzungen, Kreuzbildern und gestischen Verdichtungen bis zu den Fotoübermalungen, in denen er selbst zur Vorlage wurde. Das alles trägt seine Handschrift: eine beinahe asketische Erschaffenswut, die nie so tat, als sei Kunst Inspiration, sondern immer Arbeit, Wiederholung, Widerstand.
In den Face Farces wird das besonders sichtbar. Das Gesicht – Ort der Identität – wird zum Austragungsort. Die Grimasse ist bei Rainer kein Klamauk, sondern Erkenntnismittel: ein Gesichtstheater gegen die Pose. Und hinter dem oft düsteren Ruf stand, wenn man näher herankam, ein Mensch mit Schalk in den Augen, mit jener trockenen, genauen Komik, die Unnahbarkeit nicht aufhebt, aber durchlässig macht.
Internationale Präsenz und Störfall
Dass ein Künstler, der so konsequent Distanz praktizierte, zugleich international so präsent war, gehört zu den Paradoxien seines Lebens. Paris nahm ihn früh ernst, unter anderem im Centre Pompidou; New York setzte 1989 im Solomon R. Guggenheim Museum ein weithin sichtbares Ausrufezeichen; und 2025 kehrte Paris in der Galerie Lelong mit einer großen Rückschau, "Reminiszenz", noch einmal zu seinem Werk zurück.
Das ist Weltgeltung ohne Folklore: ein österreichischer Künstler, der nicht "österreichisch" sein musste, um unverwechselbar zu bleiben. Seine Retrospektiven und seine Präsenz in großen Häusern – von Wien bis Amsterdam – waren dabei nie bloß Ehrung, sondern Resonanzraum: Dort, wo Kunst oft zur Dekoration wird, blieb er Störfall. Und doch: Gerade dieser Störfall war es, der die Malerei wieder ernst machte, als körperliche Arbeit am Bild, als Negation, die mehr schafft als sie verneint.
Alltag war Atelier
Diese Konsequenz hatte auch einen geografischen Ausdruck, fast so, als brauche das Werk ein Klima. Rainer konnte unnahbar wirken, streng, rasch im Urteil; zugleich hatte er Witz, manchmal eine helle Bosheit, die nicht verletzen wollte, sondern entlarvte. Und er war, wenn er wollte, ein Sprachkünstler: einer, der Begriffe so lange drehte, bis sie sich nicht mehr glattgeben konnten.
Vielleicht passte gerade das zu einem Leben, das sich – bei aller Präsenz in Museen – immer wieder in den Innenraum zurückzog: ins oberösterreichische Innviertel, in einen umgebauten Bauernhof, wo er die Abgeschiedenheit als Schutz und Bedingung verstand. Den Winter über arbeitete er auf Teneriffa. Zwei Orte, die kaum etwas gemeinsam haben, außer der Notwendigkeit, in Ruhe weiterzumachen. Welt war Ausstellung, Alltag war Atelier.
Schlussstrich zum Schluss
Vor kurzem habe ich ihn noch einmal besucht. Körperlich war er schwach, aber geistig erstaunlich wach; die Strenge blieb, doch sie hatte Risse, durch die Wärme fiel. Er freute sich an der Familie, besonders an der kleinen Enkeltochter, und zwischen zwei knappen Sätzen blitzte jene Empathie auf, die seine Unnahbarkeit relativierte, ohne sie zu verleugnen. Am 8. Dezember wurde er 96. In diesem Alter ist jeder Satz ein Schlussstrich, und bei ihm war selbst der Schlussstrich noch eine Linie, die weiterarbeitet.
Mehr Privates braucht es nicht. Die Bilanz ist groß: Arnulf Rainer hat der Malerei gezeigt, dass sie nicht beruhigen muss, um gültig zu sein. Sie darf rau sein, widerständig, ja unhöflich, solange sie arbeitet, solange sie etwas in Bewegung hält, das sonst erstarrt. Seine Übermalungen sind nicht nur Bilder über Bildern. Sie sind eine Haltung über einer Zeit: der Versuch, dem Vorgefundenen nicht zu gehorchen, sondern es zu verwandeln. (Christian Rainer, 22.12.2025)
Christian Rainer, Arnulf Rainers Neffe, ist Journalist und Medienmanager. Zuletzt war er 25 Jahre lang Herausgeber und Chefredakteur des Nachrichtenmagazins "Profil".