Das Grausen. Die Zeit nach der skandalösen Peršmanhof-Razzia. Wie damit umgehen? Leitmeritz/Litoměřice | AT/CZ; Wien | AT · 1902–2022 (© Leopold Museum; © PP · # 3538 · www.ewigesarchiv.at) Vor einigen Tagen erhielt ich folgende Mail: „Lieber Peter, ich muss es Dir wieder einmal sagen: das EWIGE ARCHIV ist wirklich sensationell! In den letzten Tagen bin ich immer wieder für eine Zeit lang in Dein Universum eingetaucht. Es ist so vielfältig, schön und – wie ich schon im Betreff vermerkt habe – im besten Sinne LEHRREICH. Du bist wirklich auch ein großartiger Vermittler künstlerischer „Vielfalten“!“ Natürlich freut mich das immens – wen würde so eine Nachricht nicht freuen? Ändert aber nichts daran, dass ich mich jeden Tag auf’s Neue frage, fragen muss: „Wie gehe ich mit dem Grauen um, das ich auf verschiedenen Wegen vermittelt bekomme, mit den Widersprüchen meines Lebens und meiner Existenz? Wie gehe ich zum Beispiel mit dem Faktum um, dass eine unfassbare, nicht hinnehmbare Polizei-Razzia mit sieben Polizeifahrzeugen, einem Polizeihubschrauber, Drohnen und einer Polizeihundestaffel an einem Ort des Gedenkens an ein Massaker zur NS-Zeit, einem Museum in Kärnten vor wenigen Tagen, am 27. Juli 2025 stattgefunden hat? 80 Jahre nach dem Massaker an den Familien Sadovnik und Kogoj durch das SS- und Polizeiregiment 13, bei dem elf Personen, darunter sieben Kinder ermordet wurden, stürmten am 27.7.2025 teils schwerbewaffnete Polizist*innen den Peršmanhof in Kärnten! Jemand muss dazu den Befehl gegeben haben, eine Polizeitruppe in diesem Aufgebot loszuschicken gegen 60 junge Erwachsene, die bei einem antifa-Sommercamp teilgenommen haben. Der Vorwand: illegales Campieren! Sittenwidrigkeit! Diese völlig unangemessene Razzia ist ein Skandal sondergleichen, eine Grenzüberschreitung. Jemand muss dafür zur Verantwortung gezogen werden. Wie hat das diese jungen Erwachsenen traumatisiert? Wie gehe ich selbst damit um? Wie würde ich reagieren, wenn mein Sohn daran teilgenommen und sich mit 30 teils schwerbewaffneten Polizist*innen, Polizeihubschrauber, Schäferhunden etc konfrontiert gesehen hätte? Darüber darf kein Gras wachsen! Auch daran zu erinnern, ist einer der Ansprüche des hauseigenen Ewigen Archivs.
Die Skizze nach der Zeichnung „Das Grausen“ von Alfred Kubin machte ich am 26. Mai 2022 im Leopold Museum bei der umfangreichen Ausstellung zu Alfred Kubin.
ALFRED KUBIN
Leitmeritz [heute: Litoměřice/Tschechien] 1877–1959 Zwickledt/Österreich
Das Grausen, um 1902; Tusche, Feder, Spritztechnik auf Katasterpapier; Leopold Museum, Wien | Vienna
„Das Grausen, das in die 1903 erschienene Weber-Mappe aufgenommen wurde, erregte auf der Ausstellung in der Berliner Galerie Cassirer 1901/02 die Gemüter. Hier sei der Rezensent der Rheinisch-Westfälischen Zeitung, Hans Bethge, zitiert:,,Man sehe sich einmal jenes vorzügliche Blatt an, daß (sic) er „Das Grausen“ nennt. Es ist faszinierend in seiner Art. Ein zerschelltes Schifflein mit zerbrochenem Mast treibt durch das aufgeregte Meer und die Menschen, die es trägt, erkennen zitternd, daß sie dem Tode nicht mehr entrinnen können.
Da steigt das Grausen vor ihnen aus einer mächtigen Woge empor, auf einem langen Hals ein grinsender Schädel mit gräßlichem Gebiß, und während das eine Auge in einer tiefen Höhlung liegt, quillt das andere, indem es nun das ganze Gesicht beherrscht, wie eine riesige, unheilvolle Pestbeule hervor. Es ist fürchterlich zu denken, daß man eine solche Fratze einmal in Wirklichkeit sehen könnte. Man würde vor Grauen vergehen."
Das Motiv des hervorquellenden, erbarmungslos glotzenden Auges findet sich sehr ähnlich in einem Bild aus Hyaku monogatari („100 Erzählungen") des Japaners Hokusai von 1830, wo der Geist einer Ermordeten über dem Täter erscheint. Dass Kubin sich zudem bis in die Einzelheiten von Edgar Allan Poes Erzählung Im Strudel des Maelstroms hat anregen lassen, wie Christoph Brockhaus nachwies – wie übrigens auch für „Gefahr“, dessen „Felsplateau" als kolossale Wand eines Strudels verstanden werden muss –, schmälert nicht die ingeniöse Bilderfindung Kubins, der das Motiv des alles beherrschenden Schädels selbständig hinzugefügt hat.“
The horror. The aftermath of the scandalous Peršmanhof raid. How to deal with it? Leitmeritz/Litoměřice | AT/CZ; Vienna | AT · 1902–2022 (© Leopold Museum; © PP · # 3538 · www.ewigesarchiv.at) A few days ago, I received the following email: „Dear Peter, I have to tell you once again: the EWIGE ARCHIV is truly sensational! Over the last few days, I have repeatedly immersed myself in your universe for a while. It is so diverse, beautiful and – as I already mentioned in the subject line – EDUCATIONAL in the best sense of the word. You are truly a great mediator of artistic “diversity”!‘ Of course, I am immensely pleased – who wouldn’t be pleased to receive such a message? But that doesn’t change the fact that every day I ask myself, I have to ask myself: ’How do I deal with the horror that I encounter in various ways, with the contradictions of my life and my existence? How, for example, do I deal with the fact that an incomprehensible, unacceptable police raid involving seven police vehicles, a police helicopter, drones and a police dog unit took place a few days ago, on 27 July 2025, at a memorial site commemorating a massacre during the Nazi era, a museum in Carinthia? Eighty years after the massacre of the Sadovnik and Kogoj families by SS and Police Regiment 13, in which eleven people, including seven children, were murdered, heavily armed police officers stormed the Peršmanhof in Carinthia on 27 July 2025! Someone must have given the order to send a police force of this magnitude against 60 young adults who were participating in an anti-fascist summer camp. The pretext: illegal camping! Immorality! This completely inappropriate raid is an unprecedented scandal, a transgression. Someone must be held accountable for this. How has this traumatised these young adults? How do I deal with it myself? How would I react if my son had taken part and found himself confronted with 30 heavily armed police officers, police helicopters, sheepdogs, etc.? This must not be forgotten! Remembering this is also one of the aims of our in-house Eternal Archive.
I made the sketch based on the drawing ‘Das Grauen’ (The Horror) by Alfred Kubin on 26 May 2022 at the Leopold Museum during the extensive exhibition on Alfred Kubin.
ALFRED KUBIN
Leitmeritz [today: Litoměřice/Czech Republic] 1877–1959 Zwickledt/Austria
The Horror, around 1902; ink, pen, spray technique on cadastral paper; Leopold Museum, Vienna
‘The Horror, which was included in the Weber portfolio published in 1903, caused a stir at the exhibition in the Cassirer Gallery in Berlin in 1901/02. Here is a quote from Hans Bethge, reviewer for the Rheinisch-Westfälische Zeitung: ’Take a look at that exquisite sheet he calls “The Horror”. It is fascinating in its own way. A shattered little ship with a broken mast drifts through the stormy sea, and the people on board realise with trembling that they can no longer escape death.
Then horror rises up before them from a mighty wave, a grinning skull with hideous teeth on a long neck, and while one eye lies in a deep socket, the other bulges out, dominating the entire face like a huge, ominous bubo. It is terrible to think that one might actually see such a grimace in reality. One would die of horror.“
The motif of the bulging, mercilessly staring eye is found in a very similar form in a picture from Hyaku monogatari (‘100 Stories’) by the Japanese artist Hokusai from 1830, where the ghost of a murdered woman appears above the perpetrator. The fact that Kubin was also inspired by the details of Edgar Allan Poe’s story The Maelstrom, as Christoph Brockhaus has proven – as was also the case for ‘Danger,’ whose ‘rock plateau’ must be understood as the colossal wall of a whirlpool – does not detract from Kubin’s ingenious imagery, who independently added the motif of the all-dominating skull.“